Varanasi Displayed – Eine Einleitung
Banaras – auch bekannt als Kashi („Stadt des Lichts”) oder Varanasi – ist für viele der Inbegriff eines hinduistischen Pilgerzentrums, eine Stadt, deren religiöses Leben weitgehend auf einen heiligen Fluss ausgerichtet ist – den Ganges. Das Sanskritwort für einen solchen Pilgerort lautet Tirtha und bezeichnet ursprünglich eine Furt, d.h. einen Zugang zum Wasser und Überqueren eines Flusses. Benares ist in vielerlei Hinsicht ein Ort des Übergangs: hier trifft man die Flussgöttin Ganga, welche die drei Welten Himmel, Erde und Unterwelt durchquert. Hier ist der ideale Ort zum Sterben, denn wer hier stirbt, ist sich der Verheißung bewusst, unmittelbar die Erlösung zu erlangen. Es ist auch ein bevorzugter Ort zur Ausführung von Ahnenritualen und für jeden gewöhnlichen Pilger, der hier ein rituelles Bad nimmt, ein Ort glücksverheißender Begegnungen mit dem Jenseits.
Die außerordentliche Stellung von Benares unter den indischen Pilgerstädten steht in direktem Zusammenhang mit seiner besonderen geographischen Lage. Die heutige Millionenstadt liegt am westlichen Ufer des Ganges, der an dieser Stelle eine leichte Biegung Richtung Nordosten vollzieht. Dies bedeutet, dass man von den Ghats, wie die Teilabschnitte des Flussufers genannt werden, nach Osten oder Südosten, auf die aufgehende Morgensonne schaut. Infolge des gebogenen Flusslaufes liegt die westliche Seite mit der Uferbefestigung an einem steilen Prallhang, von dem aus das Wasser selbst in der Trockenzeit leicht zugänglich ist. Die Ostseite bildet hingegen einen Gleithang, der während der Monsunzeit überschwemmt wird und so eine Bebauung unmöglich macht. Die Sicht auf die andere Flussseite ist daher immer eine Aussicht von der städtischen, dicht bebauten Umgebung auf die offene, „leere” Landschaft.
Durch diese Lage begünstigt, hat sich das Ufer Benares' im Laufe der Stadtgeschichte zu einer einzigartigen urbanen Landschaft entwickelt, die von einer reichen Tempelarchitektur und den Bauaktivitäten an der Uferpromenade geprägt ist. Aufgrund von Zerstörungen, wie in einigen Phasen der muslimischen Herrschaft seit dem 12. Jahrhundert, gibt es heutzutage praktisch keine Gebäude, die älter als 250 Jahre sind. Doch sind Belege dafür vorhanden, dass zumindest der nördliche Abschnitt der Uferbefestigung seit Langem in das städtische Leben integriert ist. An den Bade-Ghats, den Uferanlagen, die in den beiden zurückliegenden Jahrhunderten zunehmend zu Steinterrassen mit Stufenkonstruktionen verändert wurden, finden viele öffentliche Aktivitäten statt: hier ist der Ort zum Baden und Waschen, für Tempelbesuche und dem Zelebrieren von Ritualen. Asketen meditieren in der Sonne, Händler verkaufen Pilgersouvenirs und die Bootsmänner halten Ausschau nach Fahrgästen.
Benares ist jedoch nicht nur ein hinduistisches Zentrum. So stimmt es zwar, dass die Stadt in erster Linie mit Shiva assoziiert wird: dem Kasikhanda zufolge, einem eulogischen Text aus dem 14. Jahrhundert, gibt es hier keinen Fleck ohne einen Lingam, das phallusförmige Emblem Shivas, und in dem bedeutendsten Tempel der Stadt, dem Goldenen Tempel, wird Shiva als Vishvanatha verehrt, als „Herr des Universums”. Doch finden sich auch zahlreiche Schreine, die anderen Göttern und Göttinnen geweiht sind sowie Moscheen und buddhistische Tempel, welche die reichen und mannigfaltigen Traditionen dieser Stadt bezeugen. Kashi die Leuchtende, die alte Furt, die Stadt des Todes, der Ort des Synkretismus und der Begegnung zwischen Hindus und Muslimen, das kosmopolitische Zentrum der Gelehrsamkeit – es existiert eine große Vielfalt teilweise konkurrierender Bilder Benares', die dazu beitragen, wie die Stadt von ihren Einwohnern und den Besuchern wahrgenommen wird.
Einige dieser Ansichten Varanasis finden sich in der thematisch angeordneten Fotogalerie Thomas Effingers. Zusätzlich bietet die Benares-Bibliographie – die im Zuge des Varanasi-Forschungsprojekts am Südasien-Institut aktualisiert und erweitert wurde – Zugang zu einer großen Fülle an Literatur, die über die Stadt veröffentlich wurde. In der Wissenschaftsgemeinschaft wird Benares oft als die am besten erforschte indische Stadt bezeichnet. Dies unterstreicht, dass der spezifische Charakter dieser Stadt bis heute wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich zieht.
PD Dr. Jörg Gengnagel,
Südasien-Institut, Universität Heidelberg